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Die Zeit wird sie alle fressen (Ⅲ)

w74

Published: 08 Mar 2022 › Updated: 08 Mar 2022Die Zeit wird sie alle fressen (Ⅲ)

Die Zeit wird sie alle fressen (Ⅲ)

Von A nach B und doch nicht wirklich glücklich geworden.

Wenn das mit meinem Tratsch aus meiner direkten Nachbarschaft so weitergeht, dann kennt ihr euch hier, bei mir vor der Haustür, in Kürze besser aus, als knapp neben eurer eigenen Westentasche. Ihr habt auch sicherlich dabei bemerkt, wie ich nicht davor zurückschrecke, ganz beiläufig Ross und Reiter beim Namen zu benennen. Die Prügel, die ich dafür von den jeweiligen Nachbarn beziehen könnte, lässt sich ertragen, da wohl keiner über die Verlängerungsschiene im Arm verfügt, um aus dem Grab heraus noch Hiebe zu verteilen.

Heute präsentiert sich die vorzufindende Situation jedoch von einer anderen Seite. Ich führe euch geradewegs zum Anwesen von Drago und Katarina Novosel. Ein Ehepaar, das sich zwar vor mehr als dreißig Jahren getrennt hat, da Drago den etwas tiefer gelegenen Ruheplatz auf dem Friedhof bevorzugte, damit jedoch seiner Ehefrau seinen noch unverbrauchten Speicher an Lebenswillen überließ und ihr damit ein langes Leben in der Einsamkeit bescherte, das bis zum heutigen Tag andauert.

Doch zuerst wende ich mich dem eigentlichen Wohnhaus zu, das, um dort zu landen, wo es heute steht (übrigens genau wie Katarina), einige Strapazen, jedoch wenig Luftveränderung in Kauf nehmen musste. Der hölzerne Teil des Gebäudes stand nämlich, ziemlich genau vierzig Jahre zuvor, noch 150 Meter weiter rechts im Dorf, befand sich im Besitz einer wohlhabenden Bauernfamilie und krönte eine vollkommen anders Natursteinfundament, respektive Unterbau. Die Mauern, auf denen diese Holzhäuser seit jeher eine Niederkunft fanden, bestehen allesamt aus den Steinen, die die Bauern aus ihrem Boden gestemmt haben, um eine Parzelle fruchtbar machen zu können. Die Mauerstärke beträgt in der Regel 60 cm. Da bedarf es bis zum heutigen Tag keiner Wärmedämmung.

Was unternimmt jemand, wie der erwähnte Großbauer, wenn ihm (durch welchen Zufall auch immer) ermöglicht wird, im fernen Slawonien Ländereien zu erwerben, die zum einen tellerflach und darüber hinaus auch noch frei von klobigen Steinen sind? Schnellstmöglich weg aus der hügligen, steinigen Landschaft und mit Karacho dorthin, wo Gerüchten zufolge Milch und Honig fließen. Aber nicht, ohne vorher Ackerland und Hof zu verkaufen.

Da alle diese Holzhäuser ohne die Zuhilfenahme eines einzigen Nagels erbaut wurden, bereitete der Abbau auch keinerlei Probleme. Und siehe da, gewissermaßen über Nacht waren Drago und Katerina Novosel Besitzer eines Holzhauses, das sie zum Spottpreis erwerben konnten. So schön es in einem gut geschriebenen Drehbuch auch umgesetzt werden könnte, die Realität hielt andere Überraschungen für die neuen Besitzer parat. Denn, anstatt das neu erworbene Zuhause zusammen mit seiner Frau in einen Hort der Gemütlichkeit zu verwandeln, zog es Drago vor, ins nächste Dorf zu schleichen, um dort alte Liebschaften aufzuwärmen. Ich muss zugeben Drago nie so richtig kennengelernt zu haben und trotzdem beschäftigten mich die Gedanken mit dem wieso und weshalb. Meine Meinung dazu, bis zum jetzigen Zeitpunkt, verläuft sich in der Richtung, dass Drago seine ihm ausgesuchte Katerina nie wirklich verstanden hat. Mit dieser Vermutung wage ich mich nicht in den emotionalen Bereich. Nein, ich bin und bleibe bei der festen Überzeugung, dass er den seltsamen Dialekt seiner Angetrauten nie wirklich ertragen konnte. Obwohl lediglich fünf Kilometer vom Dorf entfernt geboren und bereits mit 17 zwangsverheiratet und (weil unumgänglich) umgesiedelt, verstehe auch ich heutzutage nur annähernd 35% dessen, was Katerina mir, bis vor ein paar Wochen noch, morgendlich zu vermitteln versuchte. Seien es ihre Träume, die immerwährenden Ängste oder einfach nur der übliche Tratsch - ich bastelte mir später aus ihren verbalen Ergüssen regelmäßig einen Sinn zusammen.

Da die Episode außer Haus wohl nicht sonderlich lief, Tapetenkleister nicht in sein Weltbild zu passen schien und gegen den furchtbaren Dialekt seiner Frau auch der Apotheker kein Mittel anzubieten hatte, entschied sich Drago für den finalen Abgang. Leider, ohne seiner Katarina vorher zu erklären, wie der zweite Gang des Traktors im Getriebe aktiviert werden kann.
Ich verstehe die ältere Dame nicht, sie versteht den Traktor nicht und ihr eigener Hund versteht weder noch. Ziemlich verfahrene Situation, als die ich sie beschreiben würde. Dazu gesellte sich zwischenzeitlich der Umstand, dass Katarinas direkte Nachbarin, mit der sie allmorgendlich die Ereignisse des Weltgeschehens im Lautstärkenmodus bis an die Grenze des Erträglichen
auf das Wesentliche reduzierte, aus der Vollnarkose in den Eichensarg umstieg und damit eine unschließbare Lücke hinterließ.

Richtet euren Blick auf die steile Treppe, die vom Erdgeschoss in den Wohnbereich führt. Diesen Auf und Abstieg bewältigte die gebrechlich wirkende Dame Tag für Tag ohne Sherpa mit den detaillierten Ortskenntnissen.
Bis vor ein paar Tagen.
Da hörte ich den Hilferuf aus dem beinahe menschenleeren Dorf. Dieses Mal verstand ich sie zu 100 %. Sie war die Treppe heruntergestürzt und hatte sich dabei den Oberschenkel gebrochen.
Nie mehr Dorf, nie mehr Haus und nie mehr Treppe. Keine Familie, die es interessiert.
Und das Haus?
Die Zeit, die Zeit …
PS: Dieses kleine, nachträglich erstellte Häuschen diente, bis zum fatalen Treppensturz, der Hausherrin als Speisekammer und Küche für all jene, die sich auf vier Beinen durch das Dasein quälten. Von einer artgerechten Tierhaltung konnte nämlich auch hier nicht wirklich die Rede sein.

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