Die Absurdität des Schwarzfahrens
Zu Beginn eine kleine Anekdote: Vor Kurzem bin ich, wie ich es öfter tue, mit dem Regionalzug gefahren. Hinter mir eine junge Frau, wohl zwischen 16 und 20 Jahre alt, die, als sie kontrolliert wurde, kein Ticket dabei hatte.
In meinem Zug ist der reguläre, wenn auch von der Deutschen Bahn (DB) wohl eher nicht gewünschte, Ablauf, wie folgt: Man erklärt kurz seine Situation, warum man kein Ticket hat, wird dann vom Zugpersonal gebeten, am Zielbahnhof ein Ticket im Nachhinein zu lösen und damit ist es dann getan - zumindest ist dies der Normalfall für offensichtlich junge Gäste, wie auch weiße Gäste.
Auf dieser Zugfahrt allerdings nicht. Die Frau hinter mir wurde gebeten, ihre Kontaktdaten zu nennen und hat die Strafe von 60€ aufs Auge gedrückt bekommen. Eine Strafe, wie sie später am Telefon einer Freundin erzählt, die nicht sehr willkommen in ihrer finanziellen Situation ist.
Ein Erfahrungswert: Je voller ein Zug, desto weniger motiviert sind die Zugbegleiter meistens zur Ticketkontrolle. Foto: pixabay/@wal_172619
Im Jahr 2023 erfasste die deutsche Polizei 144.000 Fälle von Beförderungserschleichung, also Schwarzfahren.[1] Die Ursache ist wohl darauf zurückzuführen, dass der Kauf von Tickets schlichtweg zu teuer ist. So kostet das sogenannte Deutschlandticket, das für den Preis von 49€ an den Start ging, aktuell 63€ pro Monat. Das 9€-Ticket, welches wohl allen in Deutschland die Nutzung des Nah- und Regionalverkehrs ermöglicht hat, spielt im politischen Diskurs keine Rolle mehr.
Was also tun, wenn man zu arm ist, um ein Ticket der DB zu zahlen? In nicht wenigen Fällen weiß der Deutsche Staat darauf eine ziemlich brutale Antwort: Gefängnis! Das ist das Schicksal von knapp 10.000 Menschen jedes Jahr.[2] Bei Haftkosten von etwa 150 bis 200€ pro Hafttag[3] entstehen dem Staat so wohl jährlich Kosten von mehreren hundert Millionen Euro.[4]
Klar ist: Hierbei geht es nicht darum, Mobilität für alle zu ermöglichen, sondern vielmehr soll Menschen in Armut die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verweigert werden.
Die Vorteile eines gut bezuschussten Tickets sollten allerdings auch für Staat und Kapital auf der Hand liegen. Wer mobil ist, kann sich besser lösen von dem Zwang zur Arbeit in unmittelbarer Nähe seines Wohnortes. Die daraus resultierende bessere Verteilung von - zumeist gering qualifizierter - Arbeitskraft dürfte auch einige Geschäftsführer dieser Republik glücklich stimmen.
Quellen
[1] - https://de.statista.com/infografik/32132/anteil-der-befragten-die-schon-mal-noch-nie-schwarz-gefahren-sind/
[2] - https://www.deutschlandfunk.de/schwarzfahren-straftat-gefaengnis-100.html
[3] - https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/haeftlingsarbeit-100.html
[4] - https://taz.de/135-Schwarzfahrer-hinter-Gittern/!5134051/
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