Auschwitz
Zu Beginn dieses Jahres fuhr ich mit Freunden nach Krakau, um das nahegelegene Auschwitz zu besuchen, genauer: das Konzentrationslager Auschwitz. Ich habe seitdem lange ĂŒberlegt, wie ich ĂŒber das dort Gesehene, Gelesene und Erfahrene berichten kann â vor allem, um dem Ort und seiner Geschichte gerecht zu werden. Mein Fazit: Ich kann es nicht. Daher schreibe ich nun einiges von dem, was ich von diesem Ort mitgenommen habe beziehungsweise was mich seitdem nicht mehr verlassen hat â ohne Anspruch daran, auĂerordentlich professionell zu sein. Ich versuche lediglich den nötigen Respekt walten zu lassen, was mir hoffentlich gelingt.
Dies soll kein moralischer Fingerzeig sein â der wĂŒrde wenig bewegen. Versteht diesen Text als ernstes Angebot, den moralischen Kompass der Geschichte und damit auch den eigenen zu betrachten und zu prĂŒfen.
Dieser Text ist mir eine Herzensangelegenheit, weshalb ich die Auszahlung fĂŒr ihn deaktiviere. Auch das habe ich lange ĂŒberlegt â ob ein Payout vielleicht doch Sinn ergibt, wenn ich die Summe im Nachhinein spende. Doch ich habe mich aus TransparenzgrĂŒnden dagegen entschieden. Wer etwas fĂŒr den Erhalt des Ortes spenden will, soll das natĂŒrlich gern tun. Ich werde unterhalb des Textes unaufdringlich entsprechend verlinken.
Ich war kurz zuvor noch skeptisch, ob ein mit solch furchtbarer Geschichte beladener Ort und seine AusstellungsstĂŒcke â darunter unzĂ€hlige Schuhe (natĂŒrlich auch zahlreiche Kinderschuhe), Beinprothesen, Brillengestelle, KleidungsstĂŒcke, Inhaftierungsdokumente etc. â fortwĂ€hrend restauriert, geputzt, von SĂ€uren befreit (um Papier lĂ€ngerfristig vor dem Verfall zu bewahren) und fĂŒr die Nachwelt erhalten werden sollten. Sollte nicht irgendwann einmal âgut seinâ mit der Leiderinnerungskultur?
Nach meinem Besuch weiĂ ich, dass man die Erinnerung an Auschwitz in alle Ewigkeit bewahren muss.
Und wer in seinem Leben die Möglichkeit hat, Auschwitz zu besuchen, der sollte sie wahrnehmen. Niemand kann und soll gezwungen werden, aber sich mit diesem Aspekt der AnfĂ€lligkeit und VerfĂŒhrbarkeit der Menschheit zu befassen, ist wertvoll, wenn auch grauenerregend.
Es wird real, wenn ihr dort seid. Vorher ist es nur bedrĂŒckende LektĂŒre in der GemĂŒtlichkeit des eigenen Zuhauses.
Am 27.01. 2018 jĂ€hrte sich die Befreiung des Lagers durch russische Soldaten zum 70. Mal. Mir war dies wĂ€hrend unseres Aufenthalts zunĂ€chst nicht bewusst â ich denke, der Freund, der unsere Reise plante, hatte dies aber im Hinterkopf. Bevor die Veranstaltung und der BĂŒhnenaufbau fĂŒr die Reden zum Jahrestag der Befreiung begannen, hielten wir uns mehrere Stunden auf dem GelĂ€nde von Auschwitz I und Auschwitz II Birkenau (das primĂ€re Vernichtungslager samt Krematorium) auf. Auschwitz III (Monowitz) bezeichnete wiederum die Fertigungsanlagen, in denen Gefangene fĂŒr die Kriegsmaschinerie des Dritten Reiches arbeiteten.
Auf Aufnahmen auf den GelÀnden und innerhalb der GebÀude habe ich verzichtet. Zum einen aus Respekt und zweitens, um mich nicht vom Gesehenen zu entfernen oder abzulenken.
Ich besuchte Auschwitz I und II zwar mit drei Freunden, doch wanderte ich die MuseumsgebĂ€ude â sie sind, was aus den alten Gefangenen- und WehrmachtsgebĂ€uden geworden ist, um Ă€uĂerlich und gröĂtenteils auch im Inneren unverĂ€ndert an das Geschehene zu erinnern â den ĂŒberwiegenden Teil der Zeit allein ab. Und dies ist auch, was ich jedem, der sich dazu entschlieĂt, das Konzentrationslager zu besuchen, raten möchte:
Nach Möglichkeit solltet ihr Auschwitz I nicht in einer Reisegruppe betreten oder euch zumindest etwas gesondert von ihr bewegen. Es wird, und dies ist meine Meinung, schlichtweg zu laut und tumultig, wenn die mitunter ziemlich groĂen Gruppen in die HĂ€user stĂŒrmen, um vom Leiter Wesentliches zu den Geschehnissen im Lager zu erfahren. GroĂe Besucherzahlen sind fĂŒr den Erhalt des Konzentrationslagers und die Restauration der AusstellungstĂŒcke (unter anderem Habseligkeiten der Ermordeten) sicherlich wĂŒnschenswert, doch sind vor Ort genĂŒgend Informationstafeln und PrimĂ€rquellen vorhanden, um sich selbst i n R u h e und in der angemessenen Zeit und Weise mit der Geschichte dieses Ortes und mit dem Ausschnitt aus millionenfachen Einzelschicksalen zu befassen.
In kleinen Freundesgruppen solltet ihr nur mit Leuten unterwegs sein, die den Ernst des Vorhabens erkennen und sich entsprechend verhalten. Und wenn ihr die Gaskammer in Auschwitz I besucht, dann schweigt, wie es die Schilder dort erbitten. Wenn ihr dies nicht könnt, bleibt schlichtweg fern. Ich denke, jeder sollte ein MindestmaĂ an Respekt in sich tragen, wenn es um Tod und Leid geht â ganz ungeachtet seiner politischen oder religiösen Ăberzeugungen. Jeder Mann, jede Frau, jedes Kind fĂŒrchtet sich davor, geliebte Menschen zu verlieren. Doch gerade dies ist an diesem Ort ĂŒber Jahre hinweg millionenfach geschehen.
Meine EindrĂŒcke fasse ich im Folgenden zusammen. Ich schreibe absichtlich im PrĂ€sens, um sie noch einmal vor meinem inneren Auge abzuspielen:
Ich habe vorher bereits eine Ahnung von menschlichen AbgrĂŒnden gehabt, doch Auschwitz â und ganz Ă€hnlich, denke ich, trifft es auf alle Lager dieser Art zu â hat auch nach 70 Jahren eine AtmosphĂ€re behalten, die einem kiloweise Verzweiflung auf die Schultern legt. Nicht unbedingt Schuld fĂŒhle ich hier, ich fĂŒhle die Abwesenheit von Hoffnung. Die Verzweiflung ist immer noch spĂŒrbar. Die polnische KĂ€lte Ende Januar verstĂ€rkt den Eindruck natĂŒrlich noch zusĂ€tzlich.
Das Lager und seine Architektur wirken derart angelegt, dass sie den Menschen systematisch zu verstehen gaben, dass ihnen ihre Daseinsberechtigung abgesprochen wird. Die Anordnung der GebĂ€ude in Blöcken ermöglichte einen organisierten und ĂŒberschaubaren Ablauf und verschaffte den Gefangenen freien Blick auf die Exekutionsmauer. Eine perfide Warnung.
Die HĂ€user berichten im Innern ĂŒber den Massenmord und wie die MachtĂŒbernahmen und Deportierungen in den einzelnen LĂ€ndern abliefen und wie Völker und Ethnien sie erlebten.
Ab einem gewissen Punkt wird mir klar, dass die europÀischen Juden zu dieser Zeit kaum Chancen hatten, dem Sog Auschwitz' zu entkommen. Exil und Auswanderung konnten unzÀhlige Familien nicht vor dem Tod bewahren.
Ich blicke auf eine Karte, die das Konzentrationslager als geographisch zentrale VernichtungsstĂ€tte offenbart. Zahlreiche Pfeile laufen auf die Stadt zu â ein gieriges schwarzes Loch.
Insgesamt starben 1,5 Millionen Menschen im Konzentrationslager Auschwitz.
Ich besuche GebĂ€ude fĂŒr GebĂ€ude (ich denke bis heute, dass ich nicht jedes betreten habe), blicke auf alte SchlafstĂ€tten â meistens bestehend aus Decken und Stroh direkt auf dem kalten Boden â und sehe in Hunderte Gesichter. Fotos von Inhaftierten fĂŒllen dreireihig ganze GĂ€nge von Anfang bis zum Ende. Das Gesicht eines etwa 40-jĂ€hrigen Anwalts hĂ€lt mich fest. Sichtlich geschwĂ€cht und von der Gefangenschaft mitgenommen, hat er einen Blick voller GutmĂŒtigkeit bewahrt. Ich gehe den Gang entlang und sehe mir viele andere Fotos an und kehre aber immer wieder zu diesem zurĂŒck. Sein gutmĂŒtiger Gesichtsausdruck erschĂŒttert mich unerwartet heftig.
âKnow that in the most difficult moments, when death is ever-present, we try to maintain human dignity.â
â Fejga Peltel-MiÄdzyrzecka (Vladka)
Als eine gröĂere Gruppe den Gang betritt, trete ich heraus.
In einem anderen GebĂ€ude sehe ich eine WaschstĂ€tte der Frauen. Ăber den Beckenrand hĂ€ngt graue Gefangenenkleidung. Eine nahe Tafel verrĂ€t, dass sich inhaftierte Frauen hier unmittelbar vor ihrer Exekution an der Mauer ein letztes Mal waschen mussten. An Zynismus nicht zu ĂŒberbietende Zeichnungen an der Wand (zwei Katzen, die sich putzen; ein Kind, das das andere spielerisch mit Wasser ĂŒbergieĂt) preisen Reinlichkeit als Gebot der Stunde.
An einer anderen Wand steht in Fraktur:
âVerhalte dich ruhigâ
Jedes der GebĂ€ude erzĂ€hlt einen anderen Aspekt des industriellen Vernichtungsapparats und des Wegs, der zu seiner Errichtung fĂŒhrte.
Im Belgischen Haus sind auf einer Wand 500.000 Namen aus Belgien deportierter und getöteter Juden aufgedruckt (bei der Zahl bin ich mir nicht mehr ganz sicher). Die Namen sind so klein geschrieben, dass sie vor den Augen verschwimmen und aus geringer Entfernung verzerren.
Das Shoa-Haus (die Shoa bezeichnet den Massenmord an den Juden) besuche ich einmal allein und beim zweiten Mal mit meinen Freunden. Es ĂŒberwĂ€ltigt, nicht nur aufgrund der schieren Masse der Opfer, die hier veranschaulicht wird. Ein gewaltiges Buch mit einem in der Breite raumfĂŒllenden BuchrĂŒcken listet die bisher bekannten jĂŒdischen Opfer des Holocaust. 4 Millionen Namen sind aufgefĂŒhrt und alphabetisch durchblĂ€tterbar, 2 Millionen Schicksale werden noch immer ermittelt und vielleicht nie aufgeklĂ€rt.
Ein Raum mit nachgemalten Kinderzeichnungen, die im Konzentrationslager entstanden, erzĂ€hlen von dem Alltag der Kinder, die sehr hĂ€ufig bis zum Tod von ihren Eltern getrennt blieben. Ein KĂŒnstler hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Kinderzeichnungen originalgetreu an die Wand zu malen. SpĂ€testens jetzt haben alle von uns TrĂ€nen in den Augen.
Videomaterial, Projektionen, Familienalben berichten von vielen einzelnen LebenslĂ€ufen, von Familien, was sie vorher taten, wie sie lebten, welche Hoffnungen sie hatten und wie sie auseinandergerissen wurden. Von SS-Offizieren verfasste Dokumente listen akribisch den Werdegang und die Beurteilung der Inhaftierten auf: âKriminelle Vorstrafen: ang. (angeblich) keineâ, âPolitische Vorstrafen: ang. keineâ.
Andere dokumentieren den unverfÀnglich wohlformulierten Sterbegrund der Gefangenen. Zwischen den Zeilen liest man die Wahrheit mit.
In den MuseumsgebÀuden wird auch von aufrichtigen Helfern berichtet. Viele riskierten und verloren ihr Leben. Ein niederlÀndisches Paar schleuste und rettete zahlreiche Juden. Das Paar wurde spÀter getrennt und umgebracht.
âWe had a radio, we read things in the paper now and then, but ach, Germany. In the Netherlands things like that didn't happen. Even when the war broke out in 1940, we still believed it would all be all right.â
â Simon Pereboom, 2003
Einer der Blöcke beherbergt einen Raum mit Kinderfotografien â entstanden vermutlich, kurz nachdem die Kinder (allesamt sind sie etwa 9-15 Jahre alt) deportiert wurden. Jedes Kind ist im Dreischritt aufgenommen: seitlich, frontal, schrĂ€g seitlich. Manchmal ist eine Apparatur zu erkennen, die den Kopf von hinten in Position bringen soll. Ich kann die Angst in den Kinderaugen sehen. Ein MĂ€dchen hat diese Sorte TrĂ€nen in den Augen, die verrĂ€t, dass es weiĂ, was passieren wird. Das MĂ€dchen wollte nur leben. Andere Gesichter verraten, dass sie bereits zu viel gesehen haben und nur noch zum Funktionieren gezwungen wurden.
Es wird mir emotional immer wieder fast zu viel und mein Hals fĂŒhlt sich beengt. Aber was heiĂt das schon?Mir wird es zu viel?
In einem der letzten GebĂ€ude, das wir in Auschwitz I betreten, sehe ich nun die zurĂŒckgelassenen Habseligkeiten, deren Erhaltung laut dem meine Skepsis weckenden Artikel, den ich zuvor gelesen hatte, so viel Arbeit bereitet. Gewaltige Berge von Schuhen, Ledertaschen und von Prothesen â vermutlich von jenen, die noch wĂ€hrend des Ersten Weltkriegs gedient hatten. Ein KnĂ€uel aus Brillengestellen wurde nie entheddert.
Zum Lager Auschwitz Birkenau fuhren wir im Anschluss. Zu diesem abgelegenen und von sehr wenig umgebenen Ort sage ich nur Folgendes: Wer dort ĂŒber die Schienen â oder auch 3 Kilometer zu FuĂ getrieben â ankam, wusste, dass es sein Ende war.
Ich glaube mittlerweile, dass wir es uns zu bequem machen, wenn wir uns vor dem Dunkelsten im Menschen verschlieĂen. Wenn wir es nicht zu uns dringen lassen, dass sich Menschen im Umgang mit anderen selbst zur Bestie machen. Mindestens einmal im Leben sollten wir als Nicht-Betroffene zumindest ansatzweise nachvollziehen, was es genau heiĂt, wenn ein Mensch einem anderen Menschen seine WĂŒrde und sein Leben aberkennt.
âIt happened, therefore it can happen again: this is the core of what we have to sayâ
â Primo Levi
- Spendeninformation
- The re-colored photo of CzesĆawa and her story
- The Auschwitz Album (englisch)
- Auschwitz-Fotograf Wilhelm Brasse ist tot
- Reihe: Auschwitz und ich
- Informationen fĂŒr Besucher der GedenkstĂ€tte
Bild: alanbatt auf Pixabay
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